WARUM UNS DIE ERGEBNISSE BEIM LESEN BESONDERS SORGEN MACHEN SOLLTEN
Die neuen PISA-Ergebnisse sind da. Sie zeigen eine Entwicklung, die zwar leider zu erwarten war, aber, wie es mein Deutschlehrer auszudrücken pflegte, „die Alarmglocken schrillen lässt.“. Die Lesekompetenz der 15-Jährigen ist erneut deutlich gesunken. Mit 467 Punkten liegt Österreich zwar noch über dem OECD-Schnitt, gleichzeitig ist der Rückgang um 13 Punkte seit 2022 dramatisch.
Warum sollte uns gerade die Entwicklung der Lesekompetenz beunruhigen?
Weil Lesen die Grundlage für alles ist, was wir lernen. Wer einen Text nicht sinnerfassend lesen kann, wird es schwer haben, sich Wissen anzueignen – ganz egal, ob es sich dabei um Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte, behördliche Informationen, ein Rezept oder eine Bedienungsanleitung handelt.
Wer lesen kann, kann sich Informationen selbst beschaffen. Noch wichtiger ist allerdings die Fähigkeit, diese auch überprüfen und einordnen zu können. Gerade in einer Welt, in der uns Informationen jederzeit und in stetig wachsender Menge zur Verfügung stehen, müssen wir vergleichen, Zusammenhänge erkennen und Aussagen hinterfragen können.
Wir reden über Medienkompetenz und diskutieren darüber, wie wir mit sozialen Netzwerken und Künstlicher Intelligenz umgehen sollen. Wir bringen unseren Kindern bei, Informationen im Internet zu suchen oder mithilfe von Künstlicher Intelligenz zu beschaffen. Doch was nützen uns die besten Technologien, wenn wir die gefundenen Informationen nicht richtig verstehen und einordnen können?
Lesen ist die Voraussetzung dafür, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden.
Lesekompetenz hilft uns dabei, falsche oder manipulierte Nachrichten zu erkennen.
Ein Beispiel: Eine Behauptung wird tausendfach in den sozialen Medien geteilt. Sie klingt überzeugend, vielleicht sogar wissenschaftlich fundiert. Wer sinnerfassend lesen kann, kann die Quelle prüfen, recherchieren, verschiedene Informationen miteinander vergleichen und sich eine eigene Meinung bilden. Wer Schwierigkeiten mit dem Lesen hat, ist viel stärker darauf angewiesen, anderen zu glauben. Damit wird Lesekompetenz auch zu einer Frage der gesellschaftlichen Teilhabe und somit zu einer Schlüsselkompetenz für unsere Demokratie.
Die PISA-Ergebnisse sollten deshalb nicht nur eine weitere Debatte über unser Schulsystem auslösen.
Sie sollten uns als Gesellschaft zum Nachdenken bringen.
Leseförderung betrifft nicht nur die Schulen
Die meisten Kinder lernen das Lesen in der Schule. Doch ob sie ihre Lesekompetenz nach dem Erlernen der grundlegenden Technik weiterentwickeln und ausbauen, hängt auch davon ab, welche Bedeutung wir dem Lesen außerhalb der Schule geben. Wird zu Hause gelesen? Lesen die Eltern? Gehören Bücher selbstverständlich zum Alltag? Haben die Kinder Zugang zu Texten und Geschichten, die sie wirklich interessieren?
Wir dürfen uns hier nicht aus der Verantwortung stehlen und die Lesekompetenz unserer Kinder allein als Aufgabe der Schule betrachten. Denn Lesekompetenz entsteht nicht über Nacht. Sie wächst durch regelmäßiges Lesen und Üben – ähnlich wie ein Muskel. Wird er nicht regelmäßig beansprucht, baut er ab. Jeder, der schon einmal eine längere Ruhigstellung durch einen Gipsverband hatte, weiß, wie mühsam es sein kann, einen geschwächten Muskel wieder aufzubauen.
Beim Lesen ist es nicht anders. Was regelmäßig geübt wird, wird leichter. Deshalb müssen wir Kindern möglichst viele Gelegenheiten zum Lesen geben und sie dazu motivieren, dranzubleiben. Denn nur durch regelmäßiges Lesen können Kinder die Erfahrung machen: Ich kann lesen. Lesen bringt mir etwas.
Lesen schützt uns davor, von anderen abhängig zu sein.
Lesen ermöglicht Selbständigkeit. Wer nicht ausreichend lesen kann, ist darauf angewiesen, dass andere Informationen für ihn auswählen, erklären und bewerten. Selbst wenn digitale Werkzeuge uns heutzutage in vielen Belangen unterstützen können, so dürfen wir dabei das Wichtigste nicht aus den Augen verlieren: die Fähigkeit, geschriebene Sprache zu verstehen.
Wir würden kein Haus bauen und erst am Ende prüfen, ob das Fundament trägt. Bei der Bildung passiert das leider immer wieder. Wir diskutieren über die nächste Stufe, obwohl die Basis nicht für alle stabil ist.
Lesekompetenz ist keine Nebensache. Sie ist die Grundlage dafür, sich Wissen selbst anzueignen, Informationen einzuordnen und eigene Entscheidungen zu treffen. Genau deshalb sollten uns die sinkenden Zahlen nicht nur Sorgen machen.
Sie sollten uns zum Handeln bewegen.
Lesen ist die Voraussetzung dafür, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden.
Wer lesen kann, kann sich Informationen selbst beschaffen.
Lesekompetenz ist keine Nebensache.
LASS UNS REDEN!