IN LIBRIS LIBERTAS - LESEN IST FREIHEIT

WARUM LESEFÖRDERUNG DIE DEMOKRATIE SICHERT

Die Diskussion um die Kürzung des Lateinunterrichts in der österreichischen AHS-Oberstufe zeigt ein vertrautes Spannungsfeld: Tradition oder Modernisierung? Humanistische Bildung oder ökonomische Zweckmäßigkeit? Doch diese Debatte greift zu kurz. Die entscheidende Frage lautet nicht, welches Fach Stunden verliert oder gewinnt. Sie lautet: Wie können wir junge Menschen befähigen, Informationen zu verstehen, Medieninhalte einzuordnen, reflektiert zu denken und eigenständige Entscheidungen zu treffen?

Die Antwort liegt nicht im Fächerkanon der Oberstufe – sie beginnt beim Lesen.

Lesekompetenz als demokratisches Fundament

Lesen ist weit mehr als eine schulische Basiskompetenz. Es ist die Grundlage für Bildung, Chancengleichheit und gesellschaftliche Teilhabe. Internationale Studien wie PISA zeigen seit Jahren alarmierende Zahlen: Rund ein Viertel der Schülerinnen und Schüler verfügt nur über unzureichende Lesekompetenz. Um Manipulationen zu erkennen, komplexe Zusammenhänge zu erfassen und eine fundierte eigene Meinung zu bilden, ist ein solides Leseverständnis Grundvoraussetzung.

Eine funktionierende Demokratie lebt davon, dass Bürgerinnen und Bürger Informationen kritisch prüfen, Argumente abwägen und unterschiedliche Positionen nachvollziehen können. Wahlen, öffentliche Debatten und politische Entscheidungsprozesse bauen darauf auf, dass Texte – von Medienberichten bis zu Gesetzesentwürfen – verstanden und eingeordnet werden können. Wo diese Grundlage fehlt, gewinnen Vereinfachungen, Schlagworte und populistische Verkürzungen an Einfluss. Lesekompetenz ist daher eine tragende Säule demokratischer Stabilität.

Wenn Lesekompetenz fehlt

Weitere Folgen mangelnder Lesekompetenz sind deutlich spürbar: geringere Bildungsabschlüsse, eingeschränkte Berufschancen, höhere Armutsgefährdung. Vor allem aber hindert sie uns daran, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wer nicht sicher lesen kann, ist abhängig. Abhängig von Technik, Algorithmen und von denen, die entscheiden, was wir hören, sehen oder verstehen sollen. Obwohl das Lesen in einer Welt, in der Videos dominieren, verzichtbar scheint, ist es wichtiger denn je. Lesen ist kein Gegenmodell zur Digitalisierung, es ist ihre Voraussetzung.

Das Problem beginnt nicht in der Schule

Leseschwäche wird häufig als Schulproblem betrachtet. Doch Lesekompetenz entsteht nicht erst in der Schule – sie beginnt lange zuvor. Sie entwickelt sich, wenn vorgelesen wird, wenn Bücher sichtbar und greifbar gemacht werden, wenn Erwachsene selbst lesen und damit Vorbilder sind. Lesekompetenz wächst im Alltag, in den Familien. Für meine beiden Kinder war das abendliche Vorlesen ein festes Ritual – rückblickend wohl eine der wirksamsten Bildungsmaßnahmen überhaupt.

Als Kinderbuchautorin erlebe ich bei Lesungen immer wieder, wie unterschiedlich die Startbedingungen sind. Manche Kinder erzählen selbstverständlich von Büchern, die ihnen vorgelesen wurden, von Gesprächen über Geschichten oder von Besuchen in der Bibliothek. Andere hatten diesen Zugang nie.

Trotzdem wollen alle Kinder grundsätzlich lesen lernen. Doch die anfängliche Begeisterung lässt oft nach, sobald die grundlegende Technik erlernt ist – der sogenannte „erste Leseknick“. In dieser Phase zeigt sich, wie wertvoll frühkindliche positive Leseerfahrungen sind. Kinder, die schon vor der Schule erleben konnten, dass Lesen Freude bereitet und ein selbstverständlicher Teil des Alltags ist, lassen sich leichter langfristig dafür begeistern.

Was jetzt nötig ist

Schule kann und muss viel leisten. Aber sie kann nicht ersetzen, was im frühen Kindesalter versäumt wurde. Deshalb ist Leseförderung eine gemeinsame Aufgabe von Familien, Bildungseinrichtungen und Gesellschaft. Wer Kinder zum Lesen befähigt, legt den Grundstein für selbstständiges Denken, kritisches Urteilsvermögen und mündige Bürgerinnen und Bürger.

Wer liest, kann prüfen.
Wer prüft, entscheidet reflektiert.
Wer reflektiert, gestaltet sein Leben selbstbestimmt.

„In libris libertas“ – in den Büchern liegt Freiheit, die verteidigt werden muss. Genau hier beginnt unsere gesellschaftliche Verantwortung.

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26.03.2026
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Lesen ist weit mehr als eine schulische Basiskompetenz.

 

Lesen ist kein Gegenmodell zur Digitalisierung, es ist ihre Voraussetzung.

Wer liest, kann prüfen.

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